Was mich bewegte,
dieses Buch zu schreiben

Wer meinen Lebenslauf kennt weiß, daß ich wie kein anderer ein wirklicher Sektenexperte bin. Jedoch möchte ich eines völlig klar stellen: Ich bin kein Sektenbeauftragter! Weder hat mich irgendeine Sekte noch irgendeine andere Organisation beauftragt, weder eine in der ich Mitglied bin, noch irgend eine andere. Dieses Buch ist aus einem Gespräch mit meiner Frau entstanden und außer ihr und meinem Verleger hat es bis zur Fertigstellung niemand zu sehen bekommen. Ich schreibe mir aus der Seele und aus freien Stücken und nicht für irgendeine Interessengruppe - im Gegensatz zu den meisten anderen "Sektenexperten", die man besser Sektenbeauftragte nennen sollte (aber schauen Sie erst einmal hinter die Kulissen, wer wirklich der Auftraggeber ist: Sie würden staunen...)!

Auslöser war ein Fernsehabend mit zwei Sendungen: Einerseits eine Podiumsdiskussion um Scientology, andererseits ein Bericht über die Kinder Gottes im Spannungsfeld des Schweizer Sekten-Selbstmordes.

Bei der Podiumsdiskussion ärgerte ich mich über beide Kontrahenten: Der Arbeitsminister Blüm betreibt seit Monaten eine Kampagne "Verbietet Scientology" und beruft sich darauf, das es ihm genüge, sich ausschließlich bei Gegnern zu informieren.

Der Pressesprecher der Scientology dagegen war nicht gewillt, vorgetragene berechtigte Kritiken anzunehmen. Statt mit den Anwesenden zu sprechen, wie er es von Herrn Hubbard gelernt hatte, wiederholte er eingeübte Textkonserven.

So eine Podiumsdiskussion wird auf dem Rücken der Zuschauer ausgetragen, die statt wirklichem Verstehen nur eine langweilige Show von berufsmäßigen Propagandisten erlangen: Es prallen zwei Weltbilder aufeinander: Schwarz-Weiß, Weiß-Schwarz. Die Bösen sind immer die Anderen.

Anlaß der beiden Sendungen war der Schweizerisch/Kanadische "Massenselbstmord einer Sekte". Doch über die Ungereimtheiten dieses Dramas wurde auch hier kein Wort gewechselt: Gleich nach den Bränden in den Häusern der Sonnentempler hies es, daß die Sekte ihre Mitglieder derart manipuliert, daß hier ein Massenselbstmord durchgeführt wurde.

Wenige Tage später wurde klar, daß tatsächlich ein Massenmord begangen wurde und die Menschen nicht freiwillig starben. Das war eigentlich schade für die Sektenbeauftragten, die das Verbrechen unmittelbar in den Medien für ihre Zwecke ausschlachteten: Sie zogen Parallelen und betonten, wie groß die Selbstmordgefahr auch bei anderen Kulten sei. Insbesondere die "Scientology-Church" sei die gefährlichste von allen. - Statt die durch die Fakten widerlegte Propaganda zu wiederrufen modifizierten sie ihre Attacken und spekulierten auf die Manipulierbarkeit der Konsumenten von Massenmedien:

Jetzt wurde international nach dem flüchtigen Leitern der Sekte, nach dem mutmaßlichen Massenmörder Luc Juret, gefandet. Für eine Propaganda gegen Sekten reicht das allemal. Zwar läßt sich die beeindruckende Massenselbstmord-Kampagne nicht aufrechterhalten, nach der die Gehirnwäsche der Sektenanhänger soweit geht, seinen Tod selbst herbeizuführen. Doch gibt es zumindest einen Sektenführer, dem man seinen offensichtlichen Wahnsinnig nachweisen kann: Er ist ein Massenmörder: Wir haben es immer schon gewußt.

Leider mußten die Propagandisten eine weitere "kleinere Schlappe" hinnehmen: Nach einigen Wochen wurde seitens der ermittelnden Polizeibeamten bekanntgegeben, daß der gesuchte Luc Juret unter den verbrannten Leichen gefunden und eindeutig identifiziert werden konnte. - Damit müßte die gesamte Propaganda über die "(Selbst-)Mord-Sekte der Sonnentempler" eigentlich in sich wie ein Kartenhaus zusammenbrechen. Doch weit gefehlt: Nicht in der deutschen Medienlandschaft (dazu weiteres im eigenen Kapitel)! Schließlich gibt es ja über 50 tote Sektenanhänger, das ist ja eine Tatsache. Und die kann man ja zum Anlaß nehmen, die Sekten unter die Lupe zu nehmen. Das funktioniert nach einem für die Regenbogenpresse beliebten Reiz-Reaktions-Schema: Sekte = Massenmord.

Anstatt den oder die Massenmörder spätestens jetzt unter den Sektengegnern zu suchen (siehe auch das Kapitel zur Gehirnwäsche), sucht man weiterhin die Verbrecher unter den Opfern.

Die Junge Union verteilt antireligiöse Prospekte mit dem Titel "InSekten - nein Danke": Im Bild dargestellt, wie Insekten mit der Fliegenklatsche totgehauen werden.

Die Weltöffentlichkeit macht sich berechtigte Sorgen um Deutschland, seine Neonazis und seinen Haß gegenüber Asylbewerbern und anderen Ausländern. Die Scientologen konnten die UNO anhand von Berichten und Beweisen überzeugen, daß auch sie Opfer religiöser Intoleranz sind. In den USA werden Stimmen laut, die infrage stellen, ob Deutschland angesichts dieser bedrohlichen Tendenzen für den Weltsicherheitsrat qualifiziert.

Pressevertreter und Politiker mokieren sich darüber und betonen den Unterschied zwischen der Verfolgung und Vergasung von Juden im Dritten Reich damals einerseits und ihrem beherzten Entgegentreten gegen das Sektenunwesen in Deutschland heute andererseits.

Die toten Sonnentempler können diesen Unterschied nicht mehr erkennen. Sind sie nicht wahrscheinlich Opfer von Sektengegnern, die von Politikern und Medien die Rechtfertigung für ihr entschlossenes Handeln gewonnen haben?

Jahrzehntelang wurde auch in Amerika z.B. Scientology von staatlichen Stellen, Medienmonopolen, Psychiatern und Pharmakonzernen bekämpft und erst kürzlich wirklich als gemeinnützige Religion anerkennt. Deutschland hinkt den USA jedoch immer 5 Jahre hinterher. Wir Deutschen müssen jedoch selbst herausfinden, was es mit Gruppen wie Scientology auf sich hat. Aber mit Haß ist das Problem nicht zu lösen: Was hier benötigt wird, ist differenzierte Kritik, die sich notfalls gegen beide Seiten richtet: Denn es gibt keine Schwarz-Weiß-Realität, sondern das Leben besteht aus vielen bunten Farbtönen. Das Schwarz-Weiß-Denken ist eine Sekteneigenschaft und gehört in die Philosophie des Mittelalters. Eine Gruppe, die nur Falschheit und Lüge beinhaltet, kann sich nicht so lange halten. Es gibt bei jedem Menschen, jeder Gruppe, jeder Organisation, jeder Nation Richtigkeiten und Falschheiten.

Die Weltverbesserer von rechts und links, von religiöser und anti-religiöser Natur (ja auch die Sektengegner sind Weltverbesserer, sie wollen ja die Welt vor den Sekten retten) sollten sich in einem Einig werden: Fanatismus und Schwarz-Weiß-Denken tötet und schafft noch mehr leid. Immer wenn man sich einem Gegner (und sei der noch so unerträglich) unversöhnlich entgegenstellt und nur seine dunklen Seiten propagiert ohne die positiven Ziele anzuerkennen, läuft das eigene Engagement auf Krieg und Zerstörung hinaus und man wird so wie der, den man zu bekämpfen vorgibt.

Also üben wir uns darin, die Existenzberechtigung des anderen ersteinmal anzuerkennen, die Richtigkeiten des anderen anzuerkennen und seine eigenen Fehler einzusehen. Dann ist es auch möglich, den anderen mit einer angemessenen Kritik zu tranformieren, zu reformieren.

Als Beispiel für das korrekte Vorgehen möchte ich auf die Erfahrung mit dem ganz "realen Sozialismus" verweisen. Erst nach der Einstellung akuter Kriegsvorbereitungen und des kalten Krieges gelang es dem Westen seine Überlegenheit durch Toleranz und Verständigung zu demonstrieren. So konnte das Unrechtregime im Osten von den dort lebenden Menschen selbst überwunden werden.

Solange der Sozialismus mit Haß und Vernichtung bedroht wurde, schmiedete es die Menschen der sozialistischen Länder nur noch enger gegen die "freie Welt" zusammen: Sie hatten damals noch mehr zu verlieren als ihre Ketten.

Also - um es mit den Worten aus einer katholischen Predigt zu sagen, die ich kürzlich hörte - "Redet miteinander, nicht übereinander!"


Änderungsstand: 26. Juli 2001 - Copyright © 2001 by Andreas Groß, Schweiz
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